1 Der letzte Schrei

 

Sebastian Deisler war als Jahrhunderttalent erkoren, zerbrach aber an einer physischen und psychischen Tortur. Vor zehn Jahren trat er zurück. Mit 27. Wie konnte es so weit kommen?

 

Uli Hoeneß ahnt nicht, dass er in wenigen Tagen den Trainer Felix Magath entlassen wird, und erst recht kann er nicht abschätzen, bald Ottmar Hitzfeld zu begrüßen. Er will nicht wissen, wie seine Bayern den Jahresauftakt vermasseln, die Ergebnisse führen ja unweigerlich zu ersteren beiden Sachverhalten. 2:3 in Dortmund, 0:0 gegen Bochum, dann, mit Hitzfeld, 0:3 in Nürnberg, 1:0 gegen Bielefeld, 0:1 in Aachen. Anfang 2007 ist der FC Bayern München die Karikatur jener (Fußball-)Institution, die er so gerne in sich sieht. Und Mitte 2007 wird der UEFA-Cup eine Zäsur verlangen, deren Auswirkungen sich mit einer Einkaufsoffensive um Franck Ribéry lange erstrecken, teilweise bis heute.


Das alles ist weit weg, als Hoeneß am Montagabend des 15. Januar 2007 von Sebastian Deisler in seinem Büro aufgesucht wird. Magath, Hitzfeld, UEFA-Cup, eine Metaphorik der Zukunft. Bei Deisler antizipiert Hoeneß den Gesprächsinhalt in düsterer Prophezeiung.


Anderntags, am 16. Januar, steht der Bayern-Manager im Presseraum an der Säbener Straße, bittere Miene, trauriger Blick. Die Versammlung präsentiert ihren Protagonisten in beigem Pullover, grauem Sakko und Bluejeans, bittere Miene, trauriger Blick. „Er ist einer der besten Spieler, die es in Deutschland je gegeben hat. Diesen Kampf haben wir verloren“, sagt Hoeneß, und es erscheint wie eine persönliche Niederlage.

 

„Bis heute niemandem zurückgeschrieben“

 

An diesem Dienstag vor zehn Jahren beendet Sebastian Deisler seine Profikarriere. Mit 27. Gerade ist er zurückgeschwommen ins Elitebecken des FC Bayern, er hat es noch einmal probiert, beeindruckend, diese zähe Ausdauer nach einer physischen wie psychischen Tortur. Äußerlich kaschiert Deisler die Symptome. Im Trainingslager reift die Überlegung zum Entschluss: „Beim letzten Testspiel gegen Marseille hätte ich mich fast wieder verletzt, ich habe ständig daran gedacht, dass etwas passieren könnte. Ich habe nicht mehr das richtige Vertrauen in mein Knie. Es war zuletzt eine Qual.“

 

Ein Instinktfußballer spricht von Qual, also hört er auf. Insofern ist Hoeneß‘ Verdikt nicht korrekt: Deisler hat den Kampf gewonnen, indem er ihn für verloren erklärt. Das ist ein Sieg. Acht Monate danach gewährt er dem „Tagesspiegel“ pathetisch gefärbte Einblicke.

 

Ich habe Krieg geführt gegen mich. Am Ende war ich leer, ich war alt, ich war müde. Ich war verbittert, auch über mich. Ich bin so weit gelaufen, wie mich meine Beine getragen haben, mehr ging nicht.

 

Der bis 2009 gültige Vertrag wird nicht aufgelöst, nur ausgesetzt, Deisler soll die Option eines Comebacks haben. Eine löbliche, fast rührende Theorie. Der begnadetste deutsche Fußballer seiner Generation bestreitet nie mehr ein Spiel.

 

Von seinen Kollegen verabschiedet er sich nicht an diesem 16. Januar. Einige melden sich per Mail. Der „Zeit“ sagt Deisler im Herbst 2009: „Ich habe bis heute niemandem zurückgeschrieben.“

 

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Dieser Antritt! Sebastian Deisler zieht los, von der Flanke gen Zentrum, die Verteidiger wollen eingreifen, sie können nicht; hinreißend, wie spritzig dieser Teenager übers halbe Feld pirscht, 50 Meter, 60, enge Ballführung, Dynamik, Courage, dann ein Schwenk, der Schuss mit dem schwächeren linken Fuß, das Tornetz beult sich. Am 6. März 1999 verändert sich Deislers Leben. Der Treffer gegen 1860 München transformiert ihn zur bundesweiten Bekanntheit, und Friedel Rausch, sein Trainer bei Borussia Mönchengladbach, sagt ein paar Dinge, die ehrlich und ausschließlich anerkennend gemeint sind, jedoch ein Fanal sind: „Man sollte vorsichtig mit dem Begriff Jahrhundert-Talent sein, aber Deisler ist eines. Irgendwann wird er in einem Atemzug mit Walter, Seeler und Beckenbauer genannt werden.“

 

Puh.

 

Deisler ist immer der Kleinste und Schmächtigste. Und der Stärkste. Als 15-Jähriger wird er in die Jugendnationalmannschaft berufen und zieht vom heimischen Lörrach in Gladbachs Jugendinternat. „Ich hatte ein gutes Elternhaus, aber meine Eltern konnten mir nicht so helfen, sie hatten eigene Probleme. Das hat mich von zu Hause weggehen lassen. Heute weiß ich, dass es viel zu früh war, viel zu schnell ging und viel zu viel war.“ Seine Ausbildung zum Bürokaufmann bricht er ab: „Ich habe alles auf die Karte Fußball gesetzt.“

 

Dieser „Ballast“, wie er es nennt, angereichert von „Ehrgeiz und Talent“, türmt sich zu einer Welle, die „nicht mehr aufzuhalten“ ist. Deislers Stern schimmert am tristen deutschen Fußballfirmament, so soll es sein. 1997 wird er bei der U17-WM zum zweitbesten Spieler gewählt, hinter Ronaldinho. Bundesligadebüt 1998, eine Handvoll Partien, das Sensationstor, schon melden sich 26 Vereine aus Europa. Darunter Barcelona, Milan, Madrid. Auch Hertha BSC wirft seinen Hut in den Ring, und Manager Dieter Hoeneß trifft in den Verhandlungszimmern auf einen Blutsverwandten vom FC Bayern: „Mein Bruder Uli wollte ihn, aber Sebastian hielt den Zwischenschritt Berlin für richtig.“ Die Hertha sahnt ab, für 4,5 Millionen Mark.

 

„Ich war 19, als die Deutschen meinten, ich könnte ihren Fußball retten“

 

„Ich war vom ersten Tag an begeistert“, erzählt der damalige Trainer Jürgen Röber in der „Berliner Zeitung“. Deislers Fähigkeiten bezeichnet er als „unglaublich, selbst bei 60 Prozent war er besser als andere mit 100 Prozent“. Die Welle wird noch schneller noch höher noch voluminöser. Berlin liebt diesen Teenager, der Fußbälle so wunderbar mühelos behandelt, mit kraftvoller Eleganz auftritt und ein einmalig gefühlvolles Innenleben in den Füßen besitzt: Pässe aus Seide, eine phänomenale Schusstechnik und eine Intuition, die nicht zu erlernen ist - bloß zu verfeinern. Weil Deisler, braune Rehaugen, buschige Augenbrauen, kühne Kurzhaarfrisur, dazu ein hübsches Kerlchen ist, giert die Werbeindustrie. Und die Mädchenwelt. Im Prinzip darf er froh sein, vor Facebook, Twitter, Selfiewahn in die Manege katapultiert zu werden.

 

Zunächst gefällt Deisler die Aufmerksamkeit, „das hat mein Ego gestreichelt. Es hat mir geschmeichelt, dass so viele Kinder mit Trikots mit meinem Namen drauf durch die Stadt liefen. Sogar Erwachsene!“

 

Der Mittelfeldakteur begreift seinen Sport als Spaß, für sich, für andere. „Ich habe mich gefreut, wenn sich die Leute im Stadion gefreut haben“, sagt Deisler, der intendiert, das Spiel „zu gestalten wie ein Künstler. Es gab für mich Momente, in denen sich Fußballspielen anfühlte wie Tanzen.“ Der Youngster schaut auf zu Zinédine Zidane, aber alle schauen auf zu ihm. Eine Boulevardzeitung kreiert den Kosenamen „Basti fantasti“, und plötzlich erinnert sich irgendjemand, dass die Nationalmannschaft ja einen Heilsbringer vertragen könnte.

 

Ende der 90er wörnst und rehmert und rinkt es sehr beträchtlich bei Deutschlands Edelkickern (Özil, Reus und Götze sind Schüler), in diesem Ensemble beckenbauer‘scher „Rumpelfüßler“ gilt Deisler als Abgesandter, wahrscheinlich des Fußballgotts, das ist nicht exakt zu eruieren. Aus Lust wird Last. „Ich war 19, als die Deutschen meinten, ich könnte ihren Fußball retten. Ich allein“, sagt Deisler eine Dekade darauf. Spürbar ist die Melange aus Erstaunen und Unverständnis, nach wie vor.

 

„Das System, das ich verließ, ist vielleicht kranker, als ich es war“

 

In jener Diaspora fliegt dem DFB-Team der gleichermaßen aufstrebende Michael Ballack zu, „aber der war vier Jahre älter und spielte im idyllischen Kaiserslautern“, sagt Deisler. Er dagegen: ein Posterboy in der Hauptstadt. Der Anspruch potenziert sich. „Schon in seinem ersten Jahr merkte ich, dass es extrem schwer war, an ihn heranzukommen“, berichtet Dieter Hoeneß. Bei Hertha BSC wird aus dem Fußball- ein Laienschauspieler.

 

Über Nacht hatte ich kein Privatleben mehr. Man wollte aus mir den Beckham von der Spree machen, aber das war ich nicht. Es gab auch Phasen, in denen ich versucht habe, mich über Äußerlichkeiten zu definieren. Ich kam mir so lächerlich vor. Ich habe mir schicke Uhren gekauft, teure Brillen, Klamotten wie sie. Wir sind abends die Läden abgefahren, Frauen haben wir natürlich auch kennengelernt, das ist nicht schwer als bekannter Spieler. Ich habe mitgemacht, ich habe mitgelacht und dabei bemerkt, dass ich nicht froh war. Jeder wollte was von mir wissen, wo ich meine Jeans kaufe, nach welchem Parfüm ich rieche, mit welchen Gefühlen ich an den Mauerfall zurückdenke. Als die Mauer fiel, war ich neun...

 

Sebastian Deisler ist ein Model der fußballerischen Fashionweek, die - wie praktisch! - in Berlin stattfindet. Deisler, der letzte Schrei. „Ich wollte ja dazugehören“, sagt er, das Geschäft definiere sich primär über „Status, Ego, Macht. Ich habe lange versucht, den Schein zu wahren. Ich trug eine Maske, innerlich habe ich rebelliert. Heute frage ich mich, ob das System, das ich verlassen habe, vielleicht kranker ist, als ich es war.“


Deisler sträubt sich, ein testosterongeschwängertes Objekt des Sportmedienkosmos zu sein, das Naturell versperrt diese Ausfahrt. Er hat eine schicke Wohnung, ein dickes Auto und hohe Popularitätswerte. Und besonders: Sorgen. Je intensiver gezerrt wird , desto wuchtiger gerät das Schneckenhaus. „Ich fühlte mich wie ein trauriger Clown. Stellen Sie sich mal die Schlagzeile vor: ,Der Retter des deutschen Fußballs muss gerettet werden.‘“

 

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Schlagzeile ist das Stichwort. Patsch, diese hier sitzt, präzise wie eine Effetflanke, die Deisler so virtuos zu treten vermag. Am 13. Oktober 2001 titelt „Bild“ von einem 20-Millionen-Mark-Darlehen, Absender Bayern München, Empfänger Sebastian Deisler, inklusive Überweisungsabdruck. Ein Handgeld für die Wechselzusage im Sommer 2002. Booom!


„Ja, das war am Vormittag, und am Nachmittag habe ich gegen den HSV gespielt“, sagt Deisler. Er verletzt sich in einem harmlosen Duell am rechten Knie, Luxation und Kapselriss. Zwei Kreuzbandrisse (September 1998, Dezember 1999), einen Meniskusriss (September 1998) und einen Meniskusschaden (Dezember 1999) hat er in diesem neuralgischen Gelenk bereits erlitten, allmählich entpuppt sich sein Sportlerkörper als gefährlich anfälliges Konstrukt. An der Leiste wurde Deisler ebenfalls operiert (März 2000), kurz nach seinem Länderspieldebüt.


„Das hat mir den Fußball versaut, das war mein Genickschuss“


Im Oktober 2001 ist das Knie kaputt und auch der Kopf. Ein paar Monate vorher informiert er Dieter Hoeneß über seinen Abgang, der Manager bittet den Fanliebling, mit der Verkündung zu warten, um Unruhe zu vermeiden. Deisler willigt ein - und erkennt bald, dass er zum Freiwild ausgesetzt ist. „Es war schlimm für mich, nichts sagen zu können. Jeden Tag wurde ich gefragt, von Fans, Journalisten, Mitspielern.“ Er muss sich winden und lügen, mit dem Handgeld platzt die Story.


Und ich stand da wie ein Verräter. Plötzlich wurde ich gehasst in Berlin. Ich wurde beschimpft, als ich mit Krücken auf der Tribüne saß. Ich wurde schuldig gemacht für etwas, wofür ich gar nichts konnte. Ich habe Drohbriefe erhalten. ,Wir kriegen Dich!‘, ,Wir killen Dich!‘


Das, betont Sebastian Deisler, „das ist es, was mir den Fußball versaut hat. Das war mein Genickschuss.“


Er ist da gerade 21. Und will nicht weiter. „Ich habe hinter runtergelassenen Jalousien gelebt, aber ich konnte noch nicht loslassen.“ Zusatz: „Ich hätte damals aufhören müssen.“


Er hört nicht auf, des Fußballs wegen. Nach 56 Bundesligaspielen und neun Toren wird Deisler in Berlin vom Hof gepfiffen, 9,2 Millionen Euro löhnt der FC Bayern. Was verwirrt: Warum ausgerechnet München, das Fußball-Epizentrum öffentlichen und veröffentlichten Draufhauens, wo die Abgase in Riesenzügen inhaliert werden? Deisler ist naiv genug für die Annahme, im Kreis der Alphamännchen untertauchen zu können; als ein Star von vielen, nicht aber DER Star, wie bei Hertha. Und überhaupt, was ist das eigentlich, ein Star? Deisler sagt: „Für die anderen war ich einer - aber ich habe mich gefühlt wie eine Glühbirne, die einsam von der Decke hängt. Nackt. Für jeden sichtbar. Unter mir war nichts.“


Siebenmal wird er in seiner Karriere an Knie und Leiste operiert. Im Mai 2002, beim bedeutungslosen DFB-Test gegen Österreich, erleidet er einen Knorpelschaden, erneut im rechten Knie. Deisler, der die Nationalmannschaft als Regisseur durch die Weltmeisterschaften 2002, 2006 und 2010 dirigieren soll, muss das Turnier in Japan und Südkorea streichen. Ein Kinnhaken von Klitschko.


„Ich bin kein Effenberg“


Wenn er spielt, spielt er meistens gut. Freistöße in den Winkel; Vorlagen auf Ballacks Kopf; gescheite Pässe in Schnittstellen, die andere nicht hinkriegen (oder gar nicht auf die Idee kämen). Trotzdem: Deisler beim FC Bayern, das ist eine komplizierte Ehe. „Mein Gott, ich hatte utopische Träume“, rapportiert er. „Ich wollte in die Mitte des Spiels, um einen neuen Geist hereinzubringen, mehr Freude, mehr Miteinander und nicht dieses Egobetonte.“ In die Mitte des Spiels, buchstäblich wie symbolisch.

 

Mir ging es darum, andere neben mir gut aussehen zu lassen. Aber ich hatte nicht die Position dafür, nicht mehr die Voraussetzungen und auch nicht mehr die Kraft. Am Ende habe ich versucht, mit dem Gedanken zurechtzukommen, nur noch auf der rechten Seite zu spielen. Dieser Spieler war ich nie. Einen Meter neben der Außenlinie fühlte ich mich eingeengt. Ich habe mich mit dieser Begrenzung nicht abfinden können.


Kreativität statt Korsett. „Ich bin kein Mitläufertyp, dafür war ich zu gut. Aber ich bin auch kein Effenberg. In der Bayern-Kabine Mensch zu sein, ist nicht so leicht. Das schaffst du nur, wenn du dir sagst: Ich bin der Größte. Oliver Kahn hat mal gesagt: Man stumpft ab in diesem Geschäft. Das ist so. Ich kann das aber nicht.“ Deisler wählt die Vokabeln „hart, rigoros, zugreifend“ als Illustration der Kerneigenschaften zum Territorialanspruch. Die Ideale der Gesellschaft, die Vorstellung davon, wie ein Supersportler zu sein hat, die vorausgesetzte Stressresistenz - diese Facetten bereiten ihm Schwierigkeiten. Deisler sucht Nischen: „Ich habe zu lange geglaubt, ich könnte fehlende Härte wettmachen durch besseren Fußball.“


Bayern-Kollege Roque Santa Cruz ist komplett anders. Obwohl ähnlich oft verletzt, „trägt er sein Herz offen“, sagt Deisler über den Paraguayer, den er „wegen seines Fundaments beneidet und bewundert“. Ihm selbst gelingt das nicht, zumindest nicht auf jene Weise, die er für einzig adäquat hält. Wer Angriffsflächen offenbare, sei den Gewalten ausgeliefert, so interpretiert Deisler das gnadenlose Wettbewerbsdenken als Aktiver. „Ich hätte mich gern mal angelehnt, mich ausgeruht. Sollte ich das der ,Bild‘-Zeitung sagen?“


„Nur glaubwürdig, wenn er seine Millionen gespendet hätte“


Einwurf von Dieter Hoeneß bei „Bunte“. Als Deisler den 20-Millionen-Scheck vom FC Bayern angenommen habe, „war ihm das Fußballgeschäft nicht zu brutal. Und wenn er schon in Berlin unter dem Starkult litt, war es unlogisch, dass er zu Bayern wechselte, wo noch viel mehr Scheinwerfer auf ihn gerichtet waren.“


Dass Deisler die Begleiterscheinungen der Branche beklage, jedoch integraler Bestandteil davon war, geißelt Lothar Matthäus als Scheinheiligkeit: „Klar, hier kommt man nur mit Ellenbogen voran, aber er hat von dieser Welt profitiert und finanziell ausgesorgt. Glaubwürdig mit seiner Kritik am Fußballgeschäft wäre er nur, wenn er seine Millionen gespendet hätte.“ In Deislers 2009 publiziertem Buch „Zurück ins Leben“ sind die Annehmlichkeiten als „Schmerzensgeld“ deklariert. Die 20 Millionen Mark (10,23 Millionen Euro) zahlt er dem FC Bayern zurück - steuerliche Gründe.


Muss man Mitleid haben, wenn sich ein prosperierender Profi(t)fußballer überfrachtet fühlt? Nein. Muss man Verständnis aufbringen? Sicher nicht. Muss man respektieren, dass hinter jeder Fassade ein Mensch steckt, mal mehr, mal weniger immun gegen Einflüsse, Anforderungen, Druck, unabhängig vom Kontostand? Definitiv ja. Die „Zeit“ formuliert weise: „Es ist einem Gesunden schwer zu vermitteln, wie ein Depressiver die Welt erlebt.“


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Das Eier-wir-brauchen-Eier-Pamphlet des Keepers Kahn ist eine Woche alt, als Deisler gekonnt serviert. 4:1 für den FC Bayern über Borussia Dortmund. Der doppelte Assistgeber wird nach 64 Minuten ausgewechselt, diesmal sind keine Bänder gerissen oder Knochen gebrochen, aber auftauchen wird Deisler erst in fünf Monaten.

 

November 2003. Nichts geht mehr. Gar nichts.


„Depression ist ein hässliches Wort. Ich möchte die Krankheit aber nicht verbergen“, sagt der Fußballer, ehe er sich im Münchner Max-Planck-Institut in Behandlung begibt. „Ich war ein normaler Fall. Jeder andere wäre auch an den Erwartungen zerbrochen. Vielleicht bin ich sogar zu normal“, sinniert Deisler später.

 

Ich wollte niemanden in der Klinik sehen, nicht einmal meine Eltern. Ich konnte nicht einschlafen, weil ich Angst vor dem Aufwachen hatte. Manchmal hatte ich sogar Angst: Wenn ich einschlafe, wache ich nie wieder auf.

 

Der Politiker Edmund Stoiber, seinerzeit Bayern-Verwaltungsbeirat, kommentiert den Fall Deisler in einem Anflug spektakulärer Pietätlosigkeit: „Eines der größten Verlustgeschäfte des FC Bayern.“

 

„...dabei hatte ich mich längst übernommen“

 

Im Frühjahr 2004 wird Deislers Sohn Raphael geboren, das spendet Kraft und frischen Mut. Der Papa drängt auf den Rasen, der doch sein Auffangbereich ist, irgendwie, der Fußball an sich, dieser infantile Spieltrieb des Kindes im Manne („Von der fußballerischen Mentalität her bin ich Brasilianer“). Deisler trägt die Haare noch kurzgeschorener, das Gesichts ist runder geworden in seiner psychisch bedingten Zwangspause. Erste Einsätze bei den Amateuren, im Mai 2004 das Comeback in der Bundesliga, verwegene Gedanken an die EM.

 

Und retrospektiv die Erkenntnis: „Ich schaffte den Anschluss. Dabei hatte ich mich längst übernommen.“

 

Oktober 2004, ein depressiver Rückschlag. Deisler fehlt nicht fünf Monate, sondern fünf Spiele. Das Jahr 2005 verläuft prächtig, der Hochbegabte bleibt gesund, endlich, Stammspieler in Verein und Nationalteam. Er erzielt Bayerns letztes Tor im Olympiastadion (14. Mai) und den ersten inoffiziellen Münchner Treffer in der Allianz Arena (31. Mai). Beim Confederations Cup ziert Deisler die Nummer „10“, im Herbst schafft er alle drei Europapokaltore seiner Laufbahn (zwei gegen Juventus Turin, eines gegen Rapid Wien). Kurz vor Weihnachten verlängert er beim FC Bayern bis 2009.

 

Dann: März 2006.

 

Training, Knorpelabsprengung, das verflixte rechte Knie. Operation, WM-Aus. Eine Tragödie. Als würde die labile Psyche nach einem Ventil im Körper trachten - auch ohne konkreten Anlass, die Zerrissenheit visuell zu dokumentieren.

 

„Ich bin Uli Hoeneß sehr dankbar“

 

Im November ist Deisler zurück. Zum wievielten Mal? Im Dezember zieht er sich einen Muskelfaserriss zu. Im Januar fliegt er mit ins Trainingslager. „Ich hatte mich so oft herangekämpft, mir ist die Kraft ausgegangen“, wird er mit etwas Abstand sagen. 62 Bundesligapartien in fünf Bayern-Jahren, das finale Gespräch mit Hoeneß, die Verkündung am 16. Januar 2007. „Ich habe nie die Zeit gehabt zum Wachsen, ich hatte nicht mal die Zeit, Fehler zu machen“, sagt Deisler. „Beim FC Bayern hat man versucht, mir diese Zeit zu geben. Ich bin Uli Hoeneß sehr dankbar, dass er zugehört und mich verstanden hat. Er hat bis zum Schluss an mich geglaubt.“

 

Sebastian Deisler glaubt nicht mehr dran. Seine Notbremse, der letzte Schrei.

 

Er will ein selbstbestimmtes Leben, übersiedelt nach Freiburg und meidet die Medien. 2013 wird eine Schadensersatzklage gegen einen ehemaligen Berater bekannt, sonst nichts. Für die global-transparenzsüchtige Fußballbühne war sein Wesen nicht geeignet.

 

Da fällt mir eine Geschichte ein. Als ich noch bei Hertha war, saß ich im Mannschaftsbus und blickte aus dem Fenster. Ich sah drei junge Männer, vielleicht 19, 20 Jahre alt, so wie ich damals. Sie hatten Schultaschen über den Schultern, es waren Studenten. Was hätte ich dafür gegeben, mit ihnen zu tauschen.


Januar 2017


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-> Auch erschienen bei 11Freunde.


Pfundskerl Götze, Spielertrainer Schweinsteiger

3 Pfundskerl Götze, Spielertrainer Schweinsteiger

 

August 2016

 

Pünktlich zum Bundesligastart steht im nachfolgenden Pamphlet, wie sich die neue Saison entwickelt. Wer wird Meister? Wie alt ist Claudio Pizarro wirklich? Was hat es mit Reiner Calmunds neuer Schnitzel-Kollektion auf sich? Und wer befreit eigentlich Julian Draxler?


1. Spieltag


Saisonauftakt Bayern vs. Werder. Max Kruse locht geni(t)al ein, Bremen gewinnt knapp, aber nicht unverdient 4:0 in München. Carlo Ancelotti zieht seine linke Augenbraue hoch.


2. Spieltag


Die BVB-Fans boykottieren das Auswärtsspiel in Leipzig, woraufhin die Leipzig-Fans den Boykott der BVB-Fans boykottieren. So startet Red Bull beim Großen Preis von Deutschland vor leeren Rängen. Ein gewohntes Bild.


4. Spieltag


Tabellenführer Freiburg schießt den HSV mit 6:0 ab, doch der sport1-„Doppelpass“ debattiert ausschließlich über Bayern (0:0 gegen Hertha) und Dortmund (0:0 in Wolfsburg). Freiburgs Christian Streich wittert ein Komplott gegen die Kleinen – sprich: Freiburg – und hetzt gegen TV-Propaganda, den DFL-Spielplangestalter, Angela Merkels Flüchtlingspolitik, ein amerikanisches Trumpeltier und „Schwiegertochter gesucht“. Dann steigt Streich aufs Fahrrad und verabschiedet jeden Journalisten per Handschlag.


5. Spieltag


HSV-Neuzugang Filip Kostic sorgt für Aufsehen, als er seine Rückennummer ein weiteres Mal geändert haben möchte. Glück im Unglück: Die neue „0815“ passt gerade so aufs Trikot.
Spieltag
Leverkusen gegen Dortmund, und plötzlich ist es soweit: Die von der BILD-Zeitung pfiffig „Schütze“ getaufte Kombination Schürrle/Götze fabriziert das 1:0 in der 113. Minute. Leverkusens Roger Schmidt weigert sich allerdings beharrlich, die Rechtmäßigkeit des Tores anzuerkennen. Am Folgetag evaluiert der sport1-„Doppelpass“ mit modernsten Instrumenten, dass der Ball rund sei und ein Spiel 90 Minuten dauere. Schmidt ist rehabilitiert.


7. Spieltag


Die ARD sendet einen „Brennpunkt“ mitten aus Downtown Wolfsburg, wo Julian Draxler gegen dessen Willen festgehalten wird. Manche raunen sogar: zur bezahlten Arbeit gezwungen. Im Duell mit Leipzig will der Nationalspieler seinem Traumklub gefallen, schlägt ein paar Haken, aber noch mehr Ösen. RB distanziert sich von einer Verpflichtung. Draxler weint in seinen Wolfspelz.


8. Spieltag


Die Überraschung der Saison heißt Eintracht Frankfurt. Ein Faktor sind die Real-Madrid-Importe Omar Mascarell und Jesús Vallejo, die beim 4:1 über Hoffenheim glänzen. Manager-Instanz Fredi Bobic wagt einen weiteren Vorstoß und tauscht Slobodan Medojevic gegen Cristiano Ronaldo. Zuzüglich 68 Millionen Euro, die Real löhnen muss. Unbarmherzige Marktgesetze.


11. Spieltag


Erster Saisonsieg für Mario Götze: Zwei Pfund sind runter.


12. Spieltag


Bayern sammelt 31 von 36 möglichen Punkten. Die Fans sehnen sich nach Pep Guardiola.


13. Spieltag


„Ich hatte mir das hier völlig anders vorgestellt“, klagt Manager Christian Heidel vom souveränen Spitzenreiter Schalke und tritt zurück. Begründung: „Das ist nicht so Mainz.“ Heidels Nachfolger hat bereits bewiesen, dass er kritische Situationen zu noch kritischeren machen kann. „Genau so einen Mann haben wir gesucht“, jubelt Clemens Tönnies. Die Anhängerschaft reagiert entsetzt: „Dutt könnse uns net antun!“


14. Spieltag


Als es für Hoffenheim auch gegen Frankfurt nichts mit der direkten Champions-League-Quali wird, beendet die TSG das Experiment mit Juniorchef Julian Nagelsmann (29). Die Scouts haben längst einen geeigneteren Kandidaten erspäht: Ein 22-Jähriger überzeugte mit kluger Antizipation, Spielintelligenz und taktischem Variantenreichtum bei Pokémon Go.


15. Spieltag


Ein altes Augsburger Sprichwort lautet: Schuster, bleib bei deinen Leistungen. Der FCA-Coach kapiert, Gladbach kriselt – und so muss sich Fohlen-Coach André Schubert bei strahlendem Sonnenschein vorwerfen lassen, nicht wetterfest zu sein.


17. Spieltag


Herr Tah (Leverkusen) trifft gegen Her tha (Berlin), wodurch Bayer 04 als Klassenprimus überwintert. Rhein-Rivale Köln vegetiert mit 17 Punkten und einem Torverhältnis von 0:0 in der unsicheren Zone, der sonst so aufbrausende Manager Jörg Schmadtke aber wahrt für einmal die Contenance: „Ruuuuuuhig, ganz ruuuuuuhig.“ Anschließend holt er Uwe Rapolder.



18. Spieltag


Über die Weihnachtstage ist Götze in die verflixte Jojo-Falle getappt – prompt spannt das Trikot. Thomas Tuchel empfiehlt eine Kur nach Art des Hauses (0% Eiweiß, 0% Kohlenhydrate, 0% Fett). Gegen Mainz gibt‘s ein 0% zu 0%.


19. Spieltag


Erstmals kommt das Hamburger Event-Trikot zum Einsatz. Im Spiel gegen Leverkusen sind die mitgereisten Fans beim Anblick des blau-weißen Jerseys zunächst maßlos enttäuscht, doch dann setzt plötzlich Nieselregen ein und das Trikot färbt sich glitzernd-gold. Was für ein historischer Bundesliga-Moment.


20. Spieltag


Bayerns Erfolgszyklus endet. Beim 8:1 in Ingolstadt fällt das vorentscheidende dritte Tor erst nach 16 Minuten – zu wenig für die Ansprüche des Rekordmeisters. Ancelotti bekommt einen letzten Gnadenteller Tortellini. Ohne Nachtisch. Ciao, Carlo.


21. Spieltag


Kurz nach Valentinstag übereignet Gladbach den gastierenden Leipzigern kein allzu adrettes Geschenk. Hahn und Korb geben den Rosenkavalier.


22. Spieltag


Wolfsburgs Hauptsponsor erwägt eine Korrektur des Konzernnamens (Au Weh statt Vau Weh), als Bremens Claudio Pizarro (47) innerhalb von acht Minuten ein Fünferpack gelingt. Draxler, der „immer schon“ nach Hoffenheim wollte, küsst sarkastisch das VfL-Emblem. Dann endlich fliegt der Schwindel auf: Die Identitätswerte bei Au Weh waren gefälscht. #skandal


24. Spieltag


Nach Intermezzi von Jürgen Klinsmann (9. Februar bis 25. Februar, kein Champions League-Titel) und Otto Rehhagel (26. Februar bis 8. März, kein Champions League-Titel) kehrt Bastian Schweinsteiger als Spielertrainer zum FC Bayern zurück. Kalle Rummenigge wirbt um Verständnis: „Am Ende des Tages definiert sich Bayern München über den Gewinn der Champions League. Wir hoffen, dass es Bastian gelingt, seine mäßig erfolgreichen Vorgänger da zu übertrumpfen.“ Schweinsteiger startet mit einem 13:2 gegen Real Frankfurt, wobei er selbst zwei Tore erzielt.


25. Spieltag


Hoffenheim setzt ein Zeichen für die Zukunft und vertraut einem 14-Jährigen die Amtsgeschäfte an – der Teenie hatte ausgeklügelte, analytische Fähigkeiten im Managerbereich von „Fifa 17“ bewiesen.


27. Spieltag


Jan Böhmermann ist wieder da. Mit einem Fake-Fake will der Empiriker illustrieren, dass Bayer Leverkusen gar nicht existiert. Böhmermann schleust einen Lockvogel beim – angeblichen – Tabellenführer der Bundesliga ein (Vera Int-Veen als Reiner Calmund), muss seine wissenschaftlichen Grenzen aber akzeptieren, als sich Roger Schmidt weigert, dem Fake-Fake den Mittelfinger zu zeigen. Alles sehr dubios…


28. Spieltag


Auf perfide Weise gelingt es Bayern permanent, Dortmund zu schwächen. Erst kauften sie Götze (2013), dann verkauften sie Götze (2016), stets resultierte ein angeschlagener BVB. Jetzt gewinnen die Münchner 4:2, weil Tuchel angesichts des Europa-League-Viertelfinals gegen Beitar Jerusalem die Reserve aufbietet. Unter anderem Götze. Die DFL ermittelt wegen Wettbewerbsverzerrung und Spielmanipulation.


29. Spieltag


Norbert Meier bläut seiner Truppe ein: „Das Wichtigste findet nicht im Kopf statt. Es findet im Darm stadt.“ Schwer zu verdauen ist freilich der Abstieg nach einem 0:5 gegen Schalke, das sich etwas Luft im Existenzkampf verschafft – so leid es Schalkes Trainer Bruno Labbadia für seinen Leib- und Magenklub tut.


31. Spieltag


Gladbach hat das Champions-League-Halbfinale erreicht, wartet in der Bundesliga aber nach wie vor auf den ersten Auswärtspunkt. André Schubert zieht die Schirmmütze tief ins Gesicht und trägt zwei Regenjacken, um wetterfest zu wirken. Bei 30 Grad im Schatten wahrt Mainz mit dem 3:0 seine Meisterchance. Gladbach erkundigt sich, ob der CL-Triumph automatisch den Klassenerhalt garantiert.


32. Spieltag


Max Kruse – 29 Saisontore, 23 Vorlagen – pokert um einen neuen Vertrag. Live auf ProSieben.


33. Spieltag


Bayer Leverkusen wird durch ein 2:0 über Köln erstmals Deutscher Meister. Rudi Völler weint an der Schulter von Andy Brehme, Christoph Daum bereinigt sein Gewissen, und Reiner Calmund spendiert Jumbo-Schnitzel aus seiner eigenen Kollektion. Nur Roger Schmidt faucht: „Ich nehme diesen Preis nicht an!“ Dann eben nicht.


34. Spieltag


Hoffenheimer Pioniere: Zur Zweitligasaison 2017/18 übernimmt ein 6-Jähriger das Kommando, nachdem er sich als Genie an der Murmelbahn entpuppte. „Endlich haben sich unsere steten Bemühungen im Jugendbereich ausgezahlt“, strahlt Bundesliga-Veteran Julian Nagelsmann (29), während er den Knirps auf seinen Sitz beim sport1-„Doppelpass“ hebt. Christian Streich prangert den rücksichtslosen Umgang mit Kindern im schulpflichtigen Alter an und schaltet das Innenministerium ein. Bastian Schweinsteiger wird Bundeskanzler.

 

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Alles nicht mehr drogba...

1 Alles nicht mehr drogba...


März 2016


Vor zehn Jahren gewinnt der HSV als erste Mannschaft bei Bayern in der Allianz Arena. Wie danach alles hätte anders kommen können. Irgendwie.


Flocken verdichten sich zum Gestöber, Schnee überschüttet das Gelände, ein paar weiße Rechtecke wirken, als hätte Frau Holle mit Schablonen hantiert. Der Untergrund gleicht mehr Ackerlandschaft denn Rasenkultur, und der Hamburger SV macht den Matsch-Point. Guy Demel (16. Minute) und Nigel de Jong (89.) treffen bei einem Gegentor von Mehmet Scholl (83.) zum 2:1 beim FC Bayern. Historisch! Als erstes Bundesliga-Auswärtsteam gelingt dem HSV ein Sieg in der Allianz Arena. Am 4. März 2016 jährt er sich zum zehnten Mal.

Seitdem wurde Bayern mindestens elfmal Meister und der HSV nie. Es ist eine der großen Was-wäre-wenn-Fragen der Bundesliga: Was wäre, wenn Hamburg den Erfolg hätte kanalisieren können? Und was wäre, wenn Bayern daran zerbrochen wäre? Ein fiktives Gedankenprotokoll.



März 2006

Tage nach der Abfuhr treten die Bayern beim AC Milan an. Und versagen gnadenlos. Der italienische Altherren-Reigen um Alessandro Nesta (49), Jaap Stam (52) und Clarence Seedorf (50), trainiert von Carlo Ancelotti (46), der noch nicht weiß, welches Experiment er in einer Dekade wagen wird, zerlegt konfuse Münchner mit einem 4:1-Donnerhall.


Mai 2006

Souverän sichert der HSV am 34. Spieltag den dritten Platz, der zur Teilnahme an der Champions-League-Qualifikation berechtigt. Als Verstärkung entpuppt sich insbesondere der hundeschnauzekalte Angreifer Ailton, auch gegen Ex-Klub Bremen kennt der schnellste Dicke der Welt keine Verwandten. Toll. In München sucht Michael Ballack entnervt das Weite, der Klub reagiert mit der Verpflichtung von Lukas Podolski.


Dezember 2006

Während Hamburg in der Königsklasse eine Festivität nach der anderen aufführt, leistet sich Bayern ein groteskes Pokal-2:4 bei Alemannia Aachen. Kurz darauf wird Felix Magath gefeuert.


April 2007

Hamburg gastiert zum zweiten Mal in München, wo selbst der reaktivierte Ottmar Hitzfeld ein 1:2 nicht verhindern kann. Perfide Note ist das Siegtor durch Ex-Bayer Paolo Guerrero, dessen Transfer im Übrigen eine Zäsur bedeutete: die gezielte Schwächung des Branchenkrösus. Bereits 2003 hatte Hamburg den in der FCB-Jugend geschulten David Jarolim geholt, es war ein Fanal. Die Machtverhältnisse verschieben sich im Nord-Süd-Gefälle.


Juni 2007

Der HSV greift an, erst kommt Weltstar Zidan, dann Weltmeister-in-spe Jérôme Boateng. Ganz anders Bayern, das sich mittlerweile in den UEFA-Cup gerumpelt hat. Die personelle Guillotine richtet, Champions-League-Helden wie Mehmet Scholl, Roque Santa Cruz und Owen Hargreaves werden entsorgt. 


Mai 2008

Bayern lässt sich 0:4 von Sankt Petersburg verhauen. Weil sie es (nicht) können.


Mai 2008

Der Zerfall hält an. Hitzfeld zieht in die Schweiz, Torwart-Methusalem Oliver Kahn hört auf, sein Nachfolger ist Michael Rensing. Also, nochmal: Sein Nachfolger ist Michael Rensing. Auwei. Währenddessen zelebriert Hamburg ein 7:0 über den KSC, heiter ist die Fußballwelt.


Juni 2008

In einem Akt der Verzweiflung engagiert Bayern den Sommermärchen-Autoren Jürgen Klinsmann als Ober-Buddha, Chef-Optimierer und Dauer-Grinser.


August 2008

Der HSV treibt die Schwächung des Rivalen voran, indem er Marcell Jansen aus den roten Klauen befreit - jenen Jansen, der bei der WM 2010 im Spiel um Platz drei gegen Uruguay das 2:2 schießen wird. We call it Königstransfer. Hamburg ist nach vier Allianz-Arena-Einsätzen ungeschlagen. Verrückt.

 

April 2009

Wolfsburg schlägt Bayern irrwitzig derbe 5:1, ein Stürmer namens Grafit/Grafite/Grafitsch/Grafitschi/wieauchimmer umkurvt siebzehn Verteidiger und schließt per Hacke-Kuller-Zeitlupen-Todesstoß ab. Klinsmann klatscht in die Hände. Uli Hoeneß nicht.

 

Mai 2009

München tut, was München tun muss: Rentner für Reformer. Der juppt das schon. Ja, genau. Und Wolfsburg wird Meister.

 

Mai 2009

Was die Bazis einst beehrte, hat längst ein HSV-Antlitz angenommen. Ein Abseitstor in der Nachspielzeit des letzten Spieltags fixiert den Europapokal.

 

Juli 2009

Scham- und skrupellos wildert Hamburg beim angesägten Kontrahenten nahe der Isar, alsbald läuft Zé Roberto im Hamburger Hafen ein.



Januar 2010

Galaktischer geht‘s immer, eingekauft wird ein dreifacher niederländischer Fußballer des Jahres, siebenfacher Torschützenkönig und vormaliger Manchester-United-Starstürmer. Ablösefrei. Von Real Madrid. Und dann vannistelrooyt er bei seinem Debüt nach zehn Minuten einen Ball ins Netz und zwei Zeigerumdrehungen später noch einen. Rüüüüüüüüüüüüüüd.


Mai 2010

Das „Finale dahoam“ präsentiert Hamburg als höflicher Gastgeber, man gönnt Fulham die Bühne und übereignet Atlético den Pokal. Pfiffig überdies, weil damit garantiert ist, keine Traumata zu erleiden, die nicht tragbar sind. Oder wie es in Bayern heißt: nicht drogba.


Juli 2010

Hamburg will‘s wissen und angelt sich als nächsten Edeltropfen den heftig umgarnten Heiko Westermann. Einer für Gourmets.


Oktober 2010

Der FCB kriselt. Und zwar so gewaltig, dass die qua Vereinssatzung zementierte Wies‘n-Visite gestrichen wird. Erstmalig! Ersatzlos! Mia san schlecht.


April 2011

Alles nicht normal. Die Münchner probieren, mit dem holländischen Hilfsgehilfen Andries Jonker das Fernduell gegen Hannover um Rang drei zu entscheiden. Das Fernduell. Gegen Hannover. Um Rang drei. Seine Premiere feiert Jonker beim ebenfalls neu installierten Frankfurter Coach Christoph-der-Kopf-ist-das-dritte-Bein-Daum, wobei ein lausig getretener Strafstoß von Mario Gomez in der 90. Minute das Remis rettet.


Juli 2011

Während der Ex-Champ nun auf einen Trainer setzt, den Christoph-die-Wetterkarte-ist-aussagekräftiger-als-ein-Vier-Augen-Gespräch-mit-Jupp-Heynckes-Daum bereits vor 20 Jahren empfahl, handelt Hamburg in Voraussicht. Sie torpedieren ausnahmsweise nicht Bayern, sondern stechen mit vier dreisten Abwerbungen in Chelseas Mark.


Mai 2012

München vergeigt das Pokalfinale kolossal, 2:5 gegen einen Klub, der vor sieben Jahren noch röchelnd auf der Intensivstation kauerte. Und Flüssignahrung konsumierte. Gestampft.


Mai 2012

Der Tragödie zweiter Teil. Dass Bayern auch Chelsea unterliegt, trotz deren Fluktuation (siehe Juli 2011), basiert unter Umständen auf einem Kader, der jüngst folgende Premium-Produkte beschäftigt hat: Christian Lell, Massimo Oddo, Edson Braafheid, Andreas Ottl, Daniel Pranjic, Diego Contento, Takashi Usami, Nils Petersen.


August 2012

Der Bundes-Adler fliegt in Hamburg ein, anschließend landet ein kleiner Engel, der früher mal erwog, nach Valencia zu ziehen, ehe er registrierte, dass Madrid besser. Hach ja, verlorener Sohn und so.


Oktober 2012

Apropos verloren. Bayern schenkt ab, 1:3 in Minsk gegen Borisov, hernach hagelt es Pleiten gegen Leverkusen (1:2) und Arsenal (0:2). Was ist bloß aus diesem Verein geworden?


März 2013

Der HSV schafft zwei Auswärtstore in München, also genauso viele wie bei den Siegen 2006 und 2007 sowie dem Unentschieden 2008. Ist doch ansehnlich.


Juni 2013

Sabia Boulahrouz wechselt von Khalid Boulahrouz zu Rafael van der Vaart. Indes wechselt Sylvie van der Vaart von Rafael van der Vaart zu RTL.


Februar 2014

Der Hamburger SV denkt in Kooperation mit RTL an die zeitgemäße Aufführung des Duos „Sylvie & Bert“. Das Vorhaben ist rührig, scheitert jedoch unvermittelt am fehlenden Bert, als van Marwijk nur Käse produziert.


Januar 2015

Ein Geldgeber erwirbt 7,5 Prozent der HSV-Anteile und löhnt dafür 18,75 Millionen Euro. Kühne Geste, obendrein wird die Spielstätte erneut umbenannt. Aber auch, wenn sie künftig als Volksparkstadion firmiert, wird es für echte Fans immer die AOL-Arena bleiben.


Januar 2015

Systematische Ausbeutung, Episode xy: Über die Reiseroute Wolfsburg ergattert Hamburg die Dienstbereitschaft von Ivica Olic. Prompt blamiert sich Bayern zum Rückrundenstart. 1:4.


Juni 2015

Hamburg ist Relegations-Rekordmeister! Durch den Erfolg in Karlsruhe, prinzipiell nie ernsthaft gefährdet, hieven sich die Rothosen an die Spitze der ewigen Relegations-Tabelle (seit 2009). Sogar in Südamerika wird diese Kunde erfreut aufgenommen: Buenos Diaz.


Januar 2016

Bayern-Profi Medhi Benatia vergisst seine Gehaltsabrechnung im Auto, die Zahlen werden publik. Dilettantismus, der beim HSV nie passieren würde: Vertrauliche Dokumente wären nicht im Auto, aber vielmehr in einem Park drapiert. Und dort sicherlich nicht lose herumflatternd, sondern im Rucksack. Das ist ja das Mindeste.


März 2016

Der FC Bayern verliert sein Heimspiel gegen Mainz mit 1:2. Alles wie vor zehn Jahren. Nur noch schlimmer. Hallo, Carlo?


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-> Auch erschienen bei FUMS.

2 Kastriert

 

Juli 2016


Es geht geradeaus. „Volles Rohr“, grinst Mark Webber. Eine Bremsschikane, eng und eklig, der Wagen rutscht wie Hölle, eh klar, woher soll der Abtrieb auch kommen? Danach geht es geradeaus. „Volles Rohr“, grinst Mark Webber. Wieder ein Knick, Rechts-Links-Rechts, gefühlt halb überhöht, im Bogen spuckt es die Piloten aus. Es geht nun geradeaus. „Volles Rohr“, grinst Mark Webber. Schließlich, es muss wohl sein, brachial in die Eisen, ein Ritt wie auf dem Rodeo, bestimmt schlimmer, die Maschine will keine Biegung drehen, der Mensch muss aber, also muss die Maschine wollen. Die Pointe entschädigt: Es geht geradeaus.


Das ist Hockenheim. Und es ist immer Hockenheim. Wenn eines verlässlich ist, dann, dass es geradeaus geht, einfach stur geradeaus, verdammt nochmal geradeaus, unterbrochen nur vom fiesen Geschlängel, dessen Daseinsberechtigung darin liegt, damit die Autos nicht irgendwann 500 Stundenkilometer erreichen. Übertrieben gesagt. Auf dieser Strecke peitschen die Fahrer ihre Geschosse, Motoren-mordend, im Dialog mit den Elementen. Wenigstens widerlegt die Formel 1 beim GP Deutschland regelmäßig, ein Kreisverkehr zu sein; Hockenheim taugt bestenfalls als Oval und entspricht vier endlosen Geraden durch den Wald, an deren Ende sich eine Stadionsektion heftet, die ungefähr alles Vorherige kontrastiert.


Wer, bitteschön, denkt sich sowas aus?


Vermutlich ein Genie.


Der Kurs in der kurpfälzischen Provinz ist ein Legende. Es ist, in meinen Augen, sogar die beste Piste, die den Formel-1-Kalender einmal bevölkert, neben Spa natürlich, aber diese Achterbahn läuft ja traditionell außer Konkurrenz. Hockenheim repräsentiert einen so speziellen Länderpunkt der Welttournee, dass es jeder Einordnung trotzt, es ist unverwechselbar und so spezifisch, wie es die Formel 1 nie davor und erst recht nicht danach erlebt. Mit 350 Sachen an Baumstämmen entlang, Einöde und Einsamkeit, und hinterher röhrende Ekstase wie beim Fußball. Alles außer gewöhnlich.


Ayrton Senna hat ziemlich melancholische Worte gefunden, um seine Bewunderung fürs Rennfahren im Hockenheimer Hardtwald auszudrücken. „Nirgendwo auf der Welt fühle ich mich in meinem Wagen freier“, hat Senna gesäuselt, wobei er das „unbeschreibliche Gefühl“, nicht ungewöhnlich für ihn, in eine Metaebene schnürt. „Aus dem Motodrom in den Wald, das ist wie in einen Tunnel, man ist mit sich allein. Du riechst die frische Waldluft im Cockpit. Und dann das letzte Waldstück: Jetzt hat man genug von der großen Leere und freut sich jedes Mal auf den tollen Augenblick, plötzlich ins Stadion zu kommen, ins offene Feld.“


Hockenheim, dieses denkbar simple Layout, das wie ein Ei mit Dellen wirkt, hat so viel mehr zu bieten als stupides Gerade-Schikane-Gerade-Einerlei. Romantisch verklärt mag das sein, etwas gefühlsdusselig, doch es ist halt kein Rennplatz wie jeder andere. Diese Ruhe, fast meditativ, auf den Passagen, wenn die Autos von finsteren Wäldern verschluckt werden und die Mystik der Windschattenschlachten erschaffen. Das Band, das sich durch ein grünes Meer schneidet, die Idylle, die vom Gekreische der Formel 1 erstickt wird. Das Tänzeln der Hecks in den Bremszonen und das fahrig schlenkernde Ausscheren im Stadion, weil die Flügel so flach stehen, dass sie kaum fähig sind, den Boliden auf den Boden zu pressen. Ein Balanceakt für Artisten.


Immer schon. Bei der Eröffnung 1932 erstreckt sich der Ring auf zwölf Kilometer, rasch wird er grob auf jene Variante verkürzt, die ihm das Alleinstellungsmerkmal verleiht. 1964 und 1965 entsteht das Motodrom, der Arena-ähnliche Abschnitt, 1970 gastiert erstmals die Formel 1, und über 100.000 Zuschauer sehen Jochen Rindts Sieg. Im Folgejahr kehrt die Königsklasse auf den Nürburgring zurück, 1976 aber setzt Niki Laudas Feuerunfall der debilen Nordschleife ein Ende. Ab 1977 fährt Bernie Ecclestones Milliardenbusiness in der 20.000-Einwohner-Stadt südlich von Mannheim, mit der Ausnahme 1985, als der neue Nürburgring eingeweiht wird.


Die Strecke in Hockenheim misst knapp 6,8 Kilometer, die Waldgeraden machen sie zu einer der schnellsten der Welt. Und zu einer gefährlichen. Am 7. April 1968 rast Jim Clark während eines Formel-2-Rennens gegen einen Baum und in den Tod. Am 1. August 1980 stirbt Patrick Depailler bei privaten Tests, daraufhin erhält die Ostkurve eine Modifizierung. Überhaupt werden die Schikanen ständig überarbeitet - und gewissermaßen verschärft, damit es das High-Speed-Mekka entschärft.


Der Große Preis von Deutschland ist mancherorts als phantasielose PS-Bolzerei verschrien, liefert aber exklusive Erlebnisse. Weil Hockenheim anders ist. Juan Pablo Montoya, einer derjenigen, der bei der Attacke die letzten Bremsklötze aus seinem Kopf verbannt, liebt diese Mutprobe: „Ein Klassiker. Interessant und schwierig, es so hinzukriegen, dass das Auto die Randsteine optimal nimmt.“ Das Rennen transportiert Geschichte und Geschichten: 1986 etwa, als Alain Prost sein Auto mangels Treibstoff über die Ziellinie schiebt - unter lautstarker Anfeuerung der Haupttribüne; 1993 und 1996, als Damon Hill und Gerhard Berger ihre Siege in der vorletzten Runde verlieren; 1995, als die Massen nach Michael Schumachers Heimsieg freundlich eskalieren; 2000, als im Wald ein Mann auftaucht und Rubens Barrichello weint.


Was aber wird bleiben von der Zeit nach der Zäsur? 2010, die Ferrari-Stallorder zugunsten von Fernando Alonso? 2014, der Rosberg-Sieg vor 52.000 Besuchern?


Geld und Gier begründen den Abstieg. Welche Instanzen den Umbau wirklich verantworten, ist eigentlich egal. Die Chronik kann nicht umgeschrieben werden.


Der ursprüngliche Gedanke, die Streckenbreite an moderne Sicherheitsstandards anzupassen, schlägt fehl. Also eine Radikalkur, für 62 Millionen Euro, offiziell zur Zukunftssicherung. Tatsächlich vernebelt der Schumacher-Boom die Sinne. Weil die Entscheider in blinder Einfalt annehmen, dass er nie abebben wird, weil sie dessen Effekte überschätzen - und sich auch. Die Waldgeraden werden gekappt und durch eine Querspange (Parabolica) ersetzt. Die Piste schrumpft um ein Drittel auf 4,5 Kilometer, dafür steigt die Zuschauerkapazität von 83.000 auf 120.000. Das Modell fußt auf Geschäftsmeierei: Dadurch, dass die Rennen fortan 67 statt 45 Runden beinhalten, sind Autos und Sponsoren häufiger für Fans respektive Fernsehbild zu sehen. Beides soll die Erlöse nach oben treiben. Ein grandioser Irrtum. Hockenheim spürt, dass jeder Hochphase ein Abschwung folgt, in diesem Fall sogar in einer Ära, als Held Schumacher noch Ferrari fährt. Mit jedem Jahr weisen die Ränge größere Lücken auf, zur Saison 2007 startet die Alternation mit dem Nürburgring. Die Umwälzungen zu Beginn des Jahrtausends verursachen eine Finanzbürde, die auch kein Schumi-Comeback 2010 begradigen kann.


Bruder Ralf, der 2001 die finale Ausgabe der alten Konfiguration gewinnt (übrigens mit der höchsten Durchschnittsgeschwindigkeit in Hockenheim: 235,351 km/h), zeigt sich 2002 sehr angetan: „Die langen Waldgeraden habe ich keine Sekunde vermisst.“ Ach, Ralf.


Hockenheim ist jetzt ein modischer Grand-Prix-Kurs. Mittelschnelle Kurven, Spitzkehre, mäßig inspirierendes Infield. Na bravo. Eine Bahn, wie sie überall hineingestampft sein könnte, ob Bahrain oder Baden-Württemberg. „Eine Schande, was wir verloren haben, eine große, große Schande“, ätzt Montoya. McLaren-Boss Ron Dennis wird für seine Verhältnisse überschwänglich sentimental: „Das ist nicht mehr Hockenheim. Die Änderungen haben das Herz aus einer Anlage gerissen, die ihren ganz eigenen Geist hatte.“


So verdingt sich der Motorsport auf einer Strecke, die sicher nicht schlechter ist als vergleichbare Projekte, deren Wahrnehmung jedoch davon abhängt, dass viele wissen, wie es mal gewesen ist: purer.


Die Erinnerungen verblassen. Im Zuge der Rodung für die Parabolica muss der alte Teil renaturiert werden. Dort, wo früher die Wagen musische Klänge im Wald produzieren, wird vollumfänglich aufgeforstet. Ohne die Wahrung einer Reminiszenz, ohne Wanderwege, ja selbst das Clark-Memorial wird versetzt. Als ob die Historie einfach zugedeckt würde. Aus der Vogelperspektive ist der ehemalige Verlauf noch am Schattenwurf der jungen Bäume zu erkennen, in ein paar Dekaden aber wird Hockenheims Hardtwald ein Flächenteppich sein, der die Geschehnisse begräbt. Und das ist traurig.


Als Mark Webber noch Formel 1 fährt, sagt er: „Wenn ich die zweite Kurve anbremse, wünsche ich mir oft, dass ich einfach geradeaus weiter die alte Variante fahren könnte.“


Volles Rohr.

 

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-> Das ist ein Kapitel aus meinem Formel-1-Buch „Der schnellste Kreisverkehr der Welt“. Wer mehr erfahren will, kann sich hier infnormieren oder hier direkt zugreifen!

Der schnellste Kreisverkehr der Welt

 Formel-1-Buch

Der schnellste Kreisverkehr der Welt

 


Schuld ist ja eigentlich YouTube. Viel zu viele und viel zu prächtig erhaltende Schätzchen sind auf dem digitalen Video-Basar zur Kostprobe angeboten, am heimischen PC braust die Formel 1 in die gute alte Zeit: 15 Jahre vorwärts in die Vergangenheit.


Damals, als ein Kerpener Jung die Massen zum F1-Land vereinte, und als keiner von Krise sprach, weil es keine Krise gab. Heute geht das Interesse sinkt, die Faszination nimmt ab, krampfhaft wird herumgedoktert, um diese Rennserie wieder so spektakulär zu machen wie sie einmal war. Ist gar nicht lange her. Ich schaue mir diese Epoche immer noch gerne an, und ehrlich gesagt finde ich nichts, was 2000 schlechter war als 2015. Es ist andersherum.


Den Hang zur Nostalgie lebte ich bereits in einem Buch über den FC Bayern aus. So gesehen war das Werk über die Formel 1 irgendwo naheliegend, wobei sich nie ein Plan dahinter verbarg. Spontane Idee, spontane Umsetzung, begünstigt durch ein sonderbares Langzeitgedächtnis und der Legitimation, YouTube zu schauen. Als Recherche-Quelle. Klar.


„Der schnellste Kreisverkehr der Welt: Rennen, Menschen, Geschichten 1996 - 2016“ ist für all jene, die ebenfalls schwärmerisch in den Rückspiegel lugen, sich an schöne Jahre erinnern und dabei vielleicht ähnliche Assoziationen aufbauen wie ich. Viel Spaß damit!


Leseprobe


Autorennen sind gefährlich und werden es immer bleiben. Piloten müssen die Konfrontation mit der Gefahr ausblenden oder wenigstens verdrängen. Nicht allen gelingt das so gut wie Robert Kubica. Ein Report über (schwere) Unfälle, deren Wahrnehmung und Verarbeitung.


Der Recorder spult das Video ab. Kubica im BWM neben Jarno Trulli im Toyota. Knapp 300 km/h. Kontakt. Der Kubica-Bolide nimmt nicht den Linksknick zur Haarnadel, sondern pfeilt schnurgerade, auf der Wiese wird er vorne ausgehebelt, der Aufprall an der Mauer ist so mörderisch, dass man sich ernsthaft fragt, wie ein Mensch das überleben kann. Als der Wagen - oder das, was als Fossil verkümmert - nach einem Überschlag an der anderen Wand entlangrutscht, halb verdreht, werden Kubicas Füße sichtbar. Die Füße! Wer hat bei einem Unfall jemals die Füße gesichtet? Kanada 2007, ein optischer Tsunami.
Kubica ist Pole, mit Talent gesegnet, ein Champion von morgen. Er erleidet Prellungen, eine leichte Gehirnerschütterung und verstaucht sich den Knöchel. War was? Was soll gewesen sein? Kubica kündigt an, beim nächsten Rennen dabei sein zu wollen, selbstverständlich, er fühle sich fit, alles paletti, lasst uns fahren. Ob ihn das krude Erlebnis denn verändern werde, will jemand wissen. Kubica guckt den Fragesteller an, als hätte sich dieser nach seinen Absichten einer Mondlandung erkundigt: „Nein, defnitiv nicht. Ich wusste immer, dass so ein Unfall passieren kann. Dass ich un­verletzt bin, ist eher ermutigend als besorgniserregend.“
Er darf nicht starten, der FIA-Arzt legt sein Veto ein, und ein gewisser Sebastian Vettel debütiert in der Formel 1 (als Achter). Bevor Kubica sei­nen angestammten Platz einnimmt, soll er berichten, ob er sich den Unfall mal angeschaut hat. „Naja“, meint er und zuckt den Mundwinkel, „ich habe ihn schon gesehen - live...“
Schwere Unfälle. Sie gehören irgendwo zur Show, weil sie einen Teil der Faszination ausmachen und erklären, warum Leute zu Ikonen avancieren, indem sie Autos beherrschen, die eigentlich Höllenaggregate sind. Für alle, die nie in einem solchen Geschoss gesessen sind, ist das ja ein Ausschnitt einer fernen Galaxie. Es überragt schlicht das Vorstellungsvermögen, wie (und warum!) sich Menschen in enge Kanzeln pressen und bei 300 Stundenkilometern ihrer Passion nachgeben. Manchmal sind es auch 350 Stundenkilometer.
Spitzen-Motorsport oszilliert zwischen Heldentum für Typen, die so cool sind, wie man selber gerne wäre, und den Schwächen dieser Protagonisten, wenn Mensch oder Maschine versagen. Unfälle sind Essenz dieser ständigen Provokation der Gefahr. Und weil die Formel 1 eine Unterhaltungsbranche ist, die sich über Stärken verkauft und nicht über Schwächen, verschwindet die ungeschminkte Wahrheit hinter einem Make-up, das hier eben nach Abgasen schmeckt.


Der Witz darf nicht fehlen, weil eh alles viel zu ernst zugeht in der milliardengeschwängerten PS-Welt. Und wenn ich Witz sage, meine ich: Wortwitz.


Autorennen sind doch dein Elixier. Du brauchst sie wie der Fußball die Bria-Tore, oder wie Boris Becker das Dennis. Und es ist wirklich packend, immer noch, wenn Piloten die Bestien bändigen wie einen Dämon namens Hill. Sie fahren zwar im Kreis, aber eigentlich besteigen sie Gipfel; nur die exakte Benennung der Berger variierte über die Jahre. Schauderte es viele einst vor dem Monte Zemolo, so recken heutzutage der Ros Berg oder der Hülken Berg empor, wobei einige nicht über die Örtlichkeiten in­ formiert sind: Hä? Milton Keynes. Ist nicht so Sainz.
Die Formel 1 hat sich gewandelt. Früher lief alles Stuck für Stuck ab, später gelangten die Fahrer Salo monisch an ihrer Cockpits, noch später stieg ein geschwätziger Finne ein und tönte: Obacht, jetzt Kim i. Nicht alle sind so forsch wie Herr Räikkönen oder auch Her Bert, die sicherlich bei der Geburti getrennt wurden und übereinstimmende Gene aufweisen. Durch derartigen Wagemut fallen die Karrieren lang aus, sehr lang, es kann eigentlich nicht sein, dass sie zu Wurz geraten. Höchstens, wenn die Mächte richten. Dann können Laufbahnen entstehen, die weniger wunderBAR sind, dafür eher Lo lala.

Old Hockenheim. Ein Text in persönlicher Wehmut. Wie konnten sie nur diese fabelhafte Strecke zerstören!? Ich weine. Heute noch.


Es geht geradeaus. „Volles Rohr“, grinst Mark Webber. Eine Bremsschikane, eng und eklig, der Wagen rutscht wie Hölle, eh klar, woher soll der Ab­trieb auch kommen? Danach geht es geradeaus. „Volles Rohr“, grinst Mark Webber. Wieder ein Knick, Rechts-Links-Rechts, gefühlt halb überhöht, im Bogen spuckt es die Piloten aus. Es geht nun geradeaus. „Volles Rohr“, grinst Mark Webber. Schließlich, es muss wohl sein, brachial in die Eisen, ein Ritt wie auf dem Rodeo, bestimmt schlimmer, die Maschine will keine Biegung drehen, der Mensch muss aber, also muss die Maschine wollen. Die Pointe entschädigt: Es geht geradeaus.
Das ist Hockenheim. Und es ist immer Hockenheim. Wenn eines verlässlich ist, dann, dass es geradeaus geht, einfach stur geradeaus, verdammt nochmal geradeaus, unterbrochen nur vom fesen Geschlängel, dessen Daseinsberechtigung darin liegt, damit die Autos nicht irgendwann 500 Stundenkilometer erreichen. Übertrieben gesagt. Auf dieser Strecke peitschen die Fahrer ihre Geschosse, Motoren-mordend, im Dialog mit den Elementen. Wenigstens widerlegt die Formel 1 beim GP Deutschland regelmäßig, ein Kreisverkehr zu sein; Hockenheim taugt bestenfalls als Oval und entspricht vier endlosen Geraden durch den Wald, an deren Ende sich eine Stadionsektion heftet, die ungefähr alles Vorherige kontrastiert.
Wer, bitteschön, denkt sich sowas aus? Vermutlich ein Genie.


Wer an das Team Jordan denkt, läuft vor eine gelbe Wand. Die Iren waren ein Farbtupfer, im wörtlichen wie übertragenen Sinne. Einmal hätte es fast für den WM-Titel gereicht. Doofe Technik.


Wäre alles so geblieben wie vor dieser 33. Runde auf dem Nürburgring 1999, hätte Frentzen den Rückstand zu Mika Häkkinen auf einen Punkt verringert, zwei Rennen vor Ultimo. Mit dem Stillstand seines Arbeitsgeräts platzt die Seifenblase. Der so zart besaitete Pilot erlaubt sich einen Ausbruch des Zorns, er trommelt mit den Händen aufs Lenkrad und gesteht „eine der größten Enttäuschungen meiner Karriere“. Ein paar hundert Meter die Straße hinunter, im gelben Mutterschiff, fängt die TV-Kamera das Gesicht seines Chefs ein; und natürlich ärgert sich niemand so unverhohlen echt wie Eddie Jordan. Er holt tief Luft, noch tiefer, und legt das gestaute Lungenvolumen in den bittersten Stoßseufzer, den die Formel 1 gesehen hat. Dann kratzt sich Jordan am Ziegenbärtchen und sagt: „Heinz- Harald ist wie ein Weltmeister gefahren. Niemand hätte ihn schlagen können.“


Räsoniert wird eine Menge, auch wenn die Phrasen arg austauschbar geworden sind. Manche zweigen sich vorbildlich von der Floskel-Festivität ab.


„Ich hatte einmal eine ordentliche Schrecksekunde am Tunnelausgang. Da­nach habe ich eine neue Unterhose gebraucht.“- Karun Chandhok über Monaco
„Warum sollte ich Bodyguards nehmen? Von der einzigen Person, die mich unter Druck setzt, bin ich geschieden.“ - Bernie Ecclestone, Überlebenskünstler
„Wenn du zwei Geliebte hast, ist das zwar aufregend, aber eine kommt bei sieben Nächten pro Woche zwangsläufg zu kurz.“ - David Coulthard, Gleichberechtigungsbeauftragter, nachdem sich Sebastian Vettel und Mark Webber in Istanbul 2010 abschießen
„Wenn der Martin Whitmarsh von McLaren mir einen schönen guten Tag wünscht, bin ich schon ganz nervös und frage mich: Was hat er jetzt schon wieder vor?“ - Red-Bull-Berater Helmut Marko über Paranoia in der Formel 1
„Ich bin kein politischer Mensch. Aber dass ein Spanier in einem italieni­schen Auto, das ein Grieche entworfen hat, in Deutschland gewinnt, das hat schon was." - Hockenheim-Gewinner Fernando Alonso inmitten der Euro-Krise 2012


Mein erster Live-Besuch war ein echtes Highlight. Wer überlegt, mal zur Formel 1 zu fahren, sollte wirklich Italien in Erwägung ziehen. Weil die Zeit dort stehen geblieben zu sein scheint. Hach.


Ich kann die Tradition riechen, schmecken, tasten. Überall. Die verwitterten Steilkurven als Zeugnis und monumentales Dokument der Geschichte. Monza ist ein Rennplatz im eigentlichen Sinne, er muss nicht klinisch sein, wahrscheinlich soll er gar nicht. Oder darf nicht? Monza ist nicht perfekt, es hat Schönheitsfehler und einige Ecken, die nach optischen Korrekturen winseln.
Wehe! Dies hier ist kein Ort für Chirurgen, sondern für Motorsport.
Also treiben wir unsere Entdeckungsreise voran. Treppenstufen sind von Moos durchzogen, Gräser wuchern aus den Ritzen, an den Maschendrahtzäunen nagt die Zeit, lange hat Rost angesetzt, er lässt die Sperrgitter gebrechlich erscheinen und dennoch rissfest. Mit etwas Romantik. Ich bewege mich irgendwie demütig, obwohl das Quatsch ist, denn letztlich ist es ein herkömmlicher Belag zwischen herkömmlichen Bäumen. Aber ich weiß: Auf diesem Areal wurde Geschichte geschrieben. Die Anlage lebt. Das Herz bebt.
Ich war nie in einer dieser Kolosse der Sterilität, die den Formel-1- Kalender seit Anfang des Jahrtausends besiedeln. Die Monsterbauten in Asien und den Emiraten sind in ihrer architektonischen Schönheit futuristisch, vielleicht ästhetisch - für Kunstliebhaber. Der Rennfan erkennt eine Fata Morgana, sei es Bahrain oder China oder Abu Dhabi. Da ist nichts, was einen bindet, nichts, was Magie hervorruft. Nichts, was einen fruchtbaren Nährboden für die Wurzeln der Formel 1 erzeugt. Keine Bäume im königlichen Park.


Hochgestochen ist diese Branche, orchestriert und durchchoreographiert. Umso schöner also, wenn Dinge mal nicht stur nach Drehbuch ablaufen. In den vergangenen 20 Jahren hat die Formel 1 etliche Kuriosa hervorgebracht, in Amerika 2005 aber wurde eine Farce draus...


Michelin schlägt vor, die Geschwindigkeiten in der Steilkurve zu reduzieren. Dann wäre Sicherheit verbrieft. Was folgt, verdeutlicht die Koalitionen in der Formel 1 relativ gut. Die Handlungen pendeln irgendwo zwischen aktionistisch und grotesk, mit Parteien, die sich in Lager spalten und ihre Interessen wie Bürgerinitiativen ausspielen. Die Michelin-Teams sind zahlenmäßig überlegen, McLaren, BAR, Renault, Toyota, Red Bull, Williams und Sauber formieren sich zur Allianz. Demgegenüber klüngeln Ferrari, Jordan und Minardi, also lediglich drei Rennställe, die auf Bridgestone-Sohlen vertrauen und damit keinerlei Schwierigkeiten haben (außer natürlich, dass sie zu langsam sind, 2005 ist Ferraris Jahr des Absturzes).
Vorschlag zur Güte aus der Michelin-Ecke: Eine Schikane, improvisiert zusammengeschustert, um die Autos vor der Steilkurve zu verlangsamen. Ferrari-Teamchef Jean Todt lehnt ab. Es sind end- und fruchtlose Debatten, gerade am Sonntag, die Zeit drängt wie immer in der Formel 1, aber diesmal noch ärger. In Amerika hat es die Königsklasse generell schwer, wobei ein Rennen ohne Teilnehmer überall hart zu vermitteln wäre. Es hängt zu viel daran, zu viele Interessen, zu viel Renommee, viel zu viel Geld. Eine nie erforschte Not schlägt um sich, die Uhr tickt, es wird 10 Uhr vormittags, 11 Uhr, 12 Uhr, und eine Einigung ist nicht in Sicht. Sie ist nicht einmal in weiter Ferne. Die Michelin-Teams wollen die Schikane. Todt und die FIA sagen Nein. Jordan und Minardi schnüffeln plötzlich den verlockenden Duft von WM-Punkten - klar, wenn fast keiner fährt, ist die Chance groß wie nie für die Hüter der hintersten Startreihen. Willkommen in der WM der Egoisten.
Der Druck gärt skurrile Ideen. Eine davon lautet, dass die Michelin-Wagen die Steilkurve mit Halbgas nehmen, zum Zwecke der Lebensdauer ihrer Pneus. Genauso gut könnten sie die Reifen permanent wechseln, was circa sieben Boxenstopps bedeuten würde und entsprechend hanebüchen anmutet (wir befinden uns schließlich in der Prä-Pirelli-Ära). Ein anderer Geistesblitz sieht vor, die Michelin-Monopostos in jeder Runde durch die Boxenstraße tingeln zu lassen. Sinniger wird‘s nicht mehr.



Das Ganze läuft über Self Publishing bei Books on Demand (BoD) und enthält professionellen Aufdruck: Als gedruckte (Hardcover) und digitale Versionen (eBook) sowie einer Listung in über 6000 deutschsprachigen Buchläden und 1000 Online-Shops. Bedeutet, dass Interessenten das Buch entweder in ihrer Buchhandlung des Vertrauens erwerben (-> ordern lassen) können, bei Amazon und weiteren gängigen Online-Shops oder direkt bei BoD; natürlich in der gewünschten Ausführung, also gedruckt oder digital.


Produkt

Titel: Der schnellste Kreisverkehr der Welt

Untertitel: Rennen, Menschen, Geschichten 1996 - 2016

Autor: Johannes Mittermeier

Format: 14,8 x 21 cm (DIN A5)

Gesamtseitenzahl: 208

Einband: Hardcover kaschiert

ISBN: 978-3-7392-3473-1


Preise

Gedruckt: 18,99 Euro

Digital (eBook): 8,99 Euro


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